Bakelit-Telefon W49 Restaurierung Drucken E-Mail
Samstag, den 23. November 2019 um 08:37 Uhr

Restaurierung eines Wählscheiben-Telefons W49 im Bakelit-Gehäuse

Ein Wählscheibentelefon W49 aus den 1940er- oder 1950er-Jahren lag bei mir im verschmutzten Zustand als Wandapparat vor, das über Jahrzehnte nicht mehr im Betrieb war. Mein Ziel war es dieses Telefon zum Tischapparat umzubauen, was beim W49 relativ einfach ist, da seine Konstruktion dafür vorgesehen ist. Dazu müssen nur ein paar Komponenten durch Verdrehen anders eingebaut werden. Bei dieser Gelegenheit erhielt das Gehäuse aus Bakelit und das Innenleben eine intensive Reinigung. Der Fliehkraftregler des zu schnell laufenden Nummernschalters wurde neu justiert. Alle Bilder sind für eine Großdarstellung anklickbar.

Das Telefon W49 in Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/W_49

Demontage und Montage des Gehäuses: Die Grundplatte aus dickem Stahlblech, auf der sich die Elektrik befindet, ist mit drei Schrauben an dem Gehäuse aus Bakelit befestigt. Vom Gehäuse lassen sich die Gabel und der Nummernschalter abschrauben. Der Nummernschalter sitzt auf einem kurzen Rohrstück, das sich ebenfalls vom Gehäuse mit zwei Schrauben entfernen lässt. Setzt man den Nummernschalter, das Rohrstück und die Gabel verdreht herum ein, erhält man je nach Wunsch einen Wand- oder Tischapparat.

Grundsätzlich habe ich alle Schrauben nur vorsichtig von Hand gelöst und angezogen. Nichts ist ärgerlicher als eine beschädigte Schrauben oder ein beschädigtes Gewinde. Die Rähmchen für die Beschriftungen habe ich nicht entfernt, da ihre Befestigungsschrauben leicht abbrechen.


W49 als Wandapparat vor der Restaurierung.


W49 nach der Restaurierung als Tischapparat montiert.


Die Innenseite des Gehäuses nach dem Entfernen der Grundplatte.


Die Grundplatte nach dem Entfernen des Gehäuses. Links die Kontaktplatte. Unten der 1uF-Kondensator mit angelötetem Widerstand. Oben der Übertrager für die Gabelschaltung der Eigensprechdämpfung. In der Mitte die Spule des Weckers und darüber der Gabelumschalter, welcher durch Auflegen und Abheben des Handapparats betätigt wird. Rechts die beiden Glocken des Weckers. Dazwischen der Klöppel. Ganz rechts der Erdtaster, welcher nur noch an alten Nebenstellenanlagen eine Funktion besitzt.


Schaltbild des W49 (eingeklebt im Gehäuse).


Verdrahtungsplan (eingeklebt im Gehäuse).


Kontaktleiste im W49: Obere Reihe: 1 bis 4 gelb grün braun weiß Anschlüsse Nummernschalter, M und M´ Mikrofonkapsel, F und F´ Hörkapsel. An 1 und 3 ist die Amtsleitung La Lb anzuschließen.


Ein Bewohner des Telefons. Das Telefon ist buchstäblich verwanzt. Ein Grund mehr für mich die Telefone gründlich zu reinigen.


Grundplatte gereinigt. Wanze umgesiedelt. Amtsleitung provisorisch am W49 angeschlossen. La und Lb können vertauscht werden.

 

Reinigung des Bakelits: Eine Vorreinigung der ausgebauten Bakelitteile erfolgte mit einem weichen Schwamm in einer warmen Spülmittel- oder Waschmittellösung, um den groben Dreck zu entfernen. Nach dem Abtrocknen polierte ich die Teile von Hand mit einem Baumwolllappen und Autolackreiniger (Cleaner), das zum Aufarbeiten matter und verwitterter Autolacke zum Einsatz kommt. Beim Polieren verfärbt sich der Baumwolllappen bräunlich. Meistens stellt sich schon nach wenigen Minuten ein schöner Glanz ein. Tiefere Kratzer, matte oder fleckige Stellen lassen sich auf Bakelit durch noch mehr Schleifen und Polieren nicht entfernen. Im Gegenteil wird dadurch die glänzende Schicht noch weiter zerstört und es entsteht ein größerer Schaden. Rabiate Methoden sind bei Bakelit kontraproduktiv. Handschweiß und direkte Sonneneinstrahlung beschädigen die glänzende Bakelitoberfläche. In vorliegenden Fall war der Handapparat (der Hörer) mit Flecken und Schlieren versehen, die durch noch so langes Polieren nicht zu entfernen sind. Aus dem gleichen Grund waren die Kappen der Sprech- und Hörmuscheln dauerhaft etwas matt durch den direkten Hautkontakt oder die feuchte Atemluft geworden.

Leichte Gebrauchsspuren gehören zum normalen Erscheinungsbild eines Telefons. Sollte die Bakelitoberfläche allerdings unansehnlich stark beschädigt worden sein oder musste sie geklebt und ausgebessert werden, wäre eine Neulackierung eine diskussionswürdige Überlegung.


Bakelithaube von hinten vor der Reinigung. Gabel entfernt.


Gereinigte und mit Autolackreiniger polierte Bakelithaube.


Die abgeschraubte Gabel. Der Nippel der Gabel betätigt in jeder Einbaulage den Gabelumschalter korrekt.


Nach dem Reinigen und dem Polieren kam die Gabel um 180 Grad verdreht sogleich wieder auf das Gehäuse. Der Nummernschalter mit seinem Rohraufsatz ist noch ausgebaut.

Demontage und Reinigung des Handapparats: Da dieser Teil durch seine Verwendung besonders betroffen ist, wurden die Hör- und die Sprechkapsel ausgebaut. Ebenfalls entfernt wurden sämtliche Schrauben und Kontaktfederbleche. Das Die Zugentlastung für das Kabel besteht aus einem Keil aus Pressstoff, das ich ebenfalls ausbaute. Das Kabel selbst konnte ich nicht ausbauen, da die Bohrung am Handapparat zu eng für die Kabelschuhe war. Der Handapparat kam samt Kabel in eine warme Waschmittellauge. Dadurch wurde der Hörer desinfiziert und die Stoffummantelung des Kabels auf schonende Weise gereinigt. Anschließend wurde nach dem Abtrocknen der Handapparat mit Autolackreiniger poliert bis sich der Glanz nicht mehr verbessern ließ. Dies erfolgte von Hand mit einem Baumwolllappen.


Verdreckter Handapparat mit textilumsponnenem Kabel.


Handapparat nach dem Reinigen und Polieren. Leider verschwanden nicht alle Flecken, da die Oberfläche des Bakelit durch den Handschweiß leicht beschädigt wurde.


Sprechkapsel mit Kontaktfedern nach dem Ausbau der Hörkapsel. Die Zugentlastung des Kabels erfolgt durch einen Keil aus Pressstoff.


Nach dem Ausbau der Hörkapsel kommen die Kontaktfederbleche zum Vorschein. Ganz unten ist ein schwarzes Bauteil zu sehen, das aus zwei antiparallel geschaltete Dioden für den Begrenzung der Lautstärke besteht.


Alle Kleinteile des Handapparats sind sorgfältig zu verwahren. Mitte oben das Kohlegrießmikrofon, darunter die dynamische Hörkapsel.


Waschen des Handapparats samt Kabel in einer warmen Waschmittellösung.

Der Nummernschalter: Die zentrale Sechskantschraube wurde vorsichtig mit einem Ringschlüssel (15er?) gelöst, um die Fingerlochscheibe und das Zifferblatt zu enfernen. Zur Sicherheit eine Schuztbrille aufsetzen, falls die Rückholfeder sich lösen sollte. Die Reinigung erfolgte vorsichtig mit Glasreiniger, damit die aufgedruckten Ziffern nicht beschädigt werden. Danach erfolgte sogleich wieder der Zusammenbau.


Nummernschalter vom Rohraufsatz getrennt, damit dieses Rohrstück gereinigt und poliert werden kann.


Rohraufsatz des Nummernschalters nach dem Polieren.


Außenansicht des polierten Rohraufsatzes für den Nummernschalter.


Die verdreckte Wählscheibe des Nummernschalters.


Fingerlochscheibe und Zifferblatt durch Lösen der zentralen Sechskantschraube (15er Schlüsselweite) für die Reinigung mit Glasreiniger entfernt. Es kann versucht werden die schwarze Fingerlochscheibe zu polieren.


Fingerlochscheibe nach der Reinigung.

Da die Mechanik des Nummernschalters  nun offen vorlag, nachdem der Nummernschalter vom Rohraufsatz entfernt war, konnte die Geschwindigkeit des viel zu schnellen Nummernschalters durch Verbiegen des Federbleches am Fliehkraftregler justiert werden wie es unter Nummernschalter des W49 oder W48 prüfen, einstelllen und warten beschrieben ist.


Prüfen der Geschwindigkeit mit dem Windows-Programm Numernschalterprüfer.exe.


Die Blechfeder des Fliehkraftreglers musste für die Justage der Geschwindigkeit vorsicht mit einer kleinen Zange verbogen werden. Eine Arbeit, die ich nur mache, wenn sie sich nicht vermeiden lässt. Je schwächer die Feder, desto langsamer dreht sich der Nummernschalter.

Nummernschalter reinigen, schmieren und justieren: Leider verwählte sich der Nummernschalter nach einigen Tagen sehr oft, so dass eine Überholung notwendig war, die unter Nummernschalter N38 des W48 oder W49 reinigen, schmieren und justieren beschrieben ist.

Die Grundplatte: Sie wurde mit Wattestäbchen und Glasreiniger gereinigt. Mit den Wattestäbchen kommt man in die Ecken und Winkel. Vorsicht bei den den dünnen Kupferlackdrähten des Übertragers und des Weckers, da sie leicht abgerisssen werden können. Ich habe davon abgesehen die Grundplatte zu zerlegen, da dadurch Drähte und Löststellen brechen könnte, was eine zeitraubende Fehlersuche nach sich ziehen könnte. Den 1 uF-Kondensator habe ich überprüft. Manchmal ist hat er seine Kapazität verloren. Dann ist die Vergußmasse aus Teer im Alugehäuse zu entfernen, um dann in diesem Alubecher einen modernen Kondensator als Ersatz einzubauen. Dies war zum Glück nicht notwendig.


Die mit Wattestäbchen und Glasreiniger gereinigte Grundplatte. Die Glocken sind bereits mit Hilfe einer Polierscheibe im ausgebauten Zustand poliert worden.


Messen des Kapazität des Papierkondensators, der sich mit Teer vergossen in Alugehäuse befindet.


Für die Reinigung abgeschraubte Glocken des Weckers. Bei dieser Gelegenheit lässt sich die Grundplatte darunter mit Pinsel, Wattestäbchen und Glasreiniger säubern.


Die mit einer Polierscheibe polierten Glocken. Die Frage ist, ob sie ursprünglich so schön glänzten. Die Bohrungen für die Schrauben sitzen nicht zentriert, wodurch sich der Abstand der Glocken für die Optimierung des Klingelns einstellen lässt.

Der Wecker: Wenn man schon dabei ist, habe ich die beiden Glocken des Weckers abgeschraubt und mit der Polierscheibe auf Hochglanz poliert. Beim Einbau ist der Spalt für den Klöppel so einzustellen, dass der Wecker wieder angenehm läutet und ein Ausklingen der Glocken zu hören ist.


So ist wegen des Kabels zum Nummernschalter der W49 zu öffnen.


Zum Abschluss nochmals das einsatzbereite W49 nach der Restaurierung.

 

 

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 26. November 2019 um 16:56 Uhr
 

3. Februar 2017

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