22. Juli 2026
Wie wir zufällig auf dem Gelände der größten sowjetischen Horchstation Lettlands landeten, auf einer riesigen Parabolantenne standen – und die Nacht danach im mobilfunklosen Wald in der Nähe des Kap Kolka verbrachten.
Mitten im lettischen Küstenwald, keine Landkarte verriet je ihre Existenz: Irbene war bis 1994 eine der geheimsten Militäranlagen der Sowjetunion – eine ganze Stadt für tausende Soldaten, Wissenschaftler und ihre Familien, deren einziger Zweck darin bestand, den Westen abzuhören. Heute verfallen die Wohnblöcke im Wald, während gleich nebenan eine 32-Meter-Parabolantenne wieder in den Himmel horcht – nur diesmal ins All statt nach Brüssel oder Bonn. Wir wollten eigentlich nur ein paar Ruinenfotos machen. Am Ende standen wir auf einer Radioteleskop-Schüssel, liefen einen 600 Meter langen Kabeltunnel entlang und verbrachten die Nacht in völliger Funkstille mitten im Wald.

Was war Irbene? Irbene – benannt nach dem nahen Flüsschen Irbe – war zu Sowjetzeiten eine streng geheime Militärstadt an der lettischen Ostseeküste, keine 20 Kilometer von der Küste bei Kap Kolka entfernt. Der Ort trug intern den Tarnnamen „Zvaigznīte“ („Sternchen“) und tauchte auf keiner offiziellen Karte auf – offiziell existierte er schlicht nicht. Aufgebaut wurde die Stadt ab 1946, die eigentliche Radioaufklärungsstation entstand ab Ende der 1960er Jahre unter der Regie der sowjetischen Marine.
Der Auftrag der Station: das systematische Abhören von Funk-, Telefon- und insbesondere Satellitenkommunikation der NATO-Staaten. Dafür standen hier ursprünglich drei Radioteleskope unterschiedlicher Größe – RT-8, RT-16 und RT-32 (die Zahl steht jeweils für den Schüsseldurchmesser in Metern) – sowie umfangreiche Infrastruktur zur Signalverarbeitung, wie wir sie bei unserem Rundgang durch die alten Messgeräteregale eindrucksvoll vor Augen hatten.
Zu Hochzeiten lebten rund 2.000 bis 3.000 Menschen in Irbene – Offiziere, Wissenschaftler, technisches Personal und ihre Familien, komplett abgeschottet von der Außenwelt, mit eigener Schule, Kindergarten, Poststelle und Laden. Das gesamte Personal kam direkt aus Moskau; nicht einmal die politische Führung der Lettischen SSR wusste offiziell von der Existenz des Ortes.
Mit der Wiedererlangung der lettischen Unabhängigkeit war das Ende gekommen: 1994 zog die russische Armee endgültig ab – nicht ohne vorher gezielt zu zerstören, was nicht mitgenommen werden konnte. Kabel wurden zerschnitten, Antriebsmotoren mit Batteriesäure übergossen, technische Dokumentation vernichtet oder mitgenommen. Die kleinste Antenne, RT-8, wurde komplett demontiert. Die Wohnstadt selbst wurde aufgegeben und verfällt seither im Wald.
Die beiden großen Antennen RT-32 und RT-16 überlebten – buchstäblich gegen alle Widrigkeiten. Lettische Wissenschaftler übernahmen das Gelände, rekonstruierten die zerstörte Technik nahezu ohne Unterlagen und bauten daraus das Ventspils International Radio Astronomy Centre (VIRAC) auf. Die RT-32 – mit über 20.000 Bauteilen, einem 80 Tonnen schweren Zentralkegel und rund 600 Tonnen Gesamtgewicht eine der größten voll steuerbaren Parabolantennen Nordeuropas – dient heute der Radioastronomie, der Satellitenbeobachtung und Weltraumforschung. Aus der Spionagestation ist ein Wissenschaftszentrum geworden.
Unser Besuch: Eigentlich wollten wir nur die Ruinen anschauen – schon das versprach spannend zu werden. Was daraus wurde:
Die Geisterstadt zuerst. Wir liefen durch die verlassenen Wohnblöcke, stiegen in einige der Gebäude hinein und bekamen einen unmittelbaren Eindruck davon, wie beengt und schlicht selbst die Wohnungen sowjetischer Offiziere einst waren – nackte Betontristesse, wo heute nur noch Graffiti und Sträucher wachsen.





Der Waldweg weiter. Auf der Weiterfahrt durch den Wald stand plötzlich ein Schild mit der Aufschrift „Visitors“, das auf ein umzäuntes Gelände wies. Das Tor stand offen – wir fuhren einfach hinein.
Eine spontane Führung. Kaum angekommen, kam ein Mann aus dem Gebäude und bot uns eine Führung über das Museumsgelände mit den Parabolantennen und der alten Messtechnik an. Eine Gelegenheit, die wir uns natürlich nicht entgehen ließen.




Auf der Antenne stehen. Der Höhepunkt: Wir durften tatsächlich auf einer der Parabolantennen stehen – ein Gefühl, das man so schnell nicht vergisst, wenn man bedenkt, wozu diese Schüssel einst diente.



600 Meter im Kabeltunnel. Anschließend liefen wir einen rund 600 Meter langen unterirdischen Tunnel entlang, der einst als Kabelschacht diente und zur größten Antenne führt – der RT-32 mit über 30 Metern Durchmesser, die heute für die Weltraumforschung genutzt wird.



Die Nacht danach. Zum Abschluss des Tages fanden wir einen versteckten Stellplatz mitten im einsamen Wald direkt am Fluss Irbene. Kein Mobilfunkempfang, keine Erreichbarkeit, nichts – nur der Wald, der Fluss und die Stille. Eine Nacht komplett ohne Netz, mitten im menschenleeren Wald bei Kap Kolka. Nach einem Tag voller Spionagegeschichte fast schon symbolisch: Wo einst jedes Signal abgefangen wurde, gab es plötzlich gar keins mehr.


