27. Juli 2026
Auf der südlichsten Spitze der estnischen Ostseeinsel Saaremaa steht ein 52 Meter hoher Leuchtturm – und an seinem Fuß zwei baugleiche, redundant ausgelegte Röhrensender: eine automatische Seefunkbake aus sowjetischer Zeit, komplett mit Kontrolloszillograf, Dauervorheizung der Reserveeinheit und ausgeklügelter Selbstüberwachung. Ein Blick unter die Haube eines fast vergessenen Stücks Funktechnikgeschichte, dazwischen Leuchtturm-Historie, Bunkerreste und Ostseeromantik.
Übernachtet hatten wir auf einem einsamen Stellplatz direkt an der Ostseeküste der Insel Saaremaa – nur Wind, Wellen und weites Land. Am nächsten Morgen ging es ein paar Kilometer weiter bis zur Südspitze der Insel, zum Sõrve-Leuchtturm. Was mich dort am Fuß der Treppe erwartete, hat mich als Funkamateur und Röhrenfreund fast mehr begeistert als der Blick von oben – aber der Reihe nach.

Wo genau man sich hier befindet: Saaremaa – auf Deutsch besser bekannt als Ösel – ist die größte estnische Insel in der Ostsee, vorgelagert vor der Küste des estnischen Festlands zwischen Rigaer Bucht und offener See. Die Halbinsel Sõrve bildet die südwestliche Landzunge der Insel und läuft spitz zu wie ein Zeigefinger, der Richtung Lettland deutet. Direkt vor der Spitze, im Süden und Westen, öffnet sich die Irbenstraße (Kura kurk) – die schmale, für die Schifffahrt seit jeher tückische Meerenge zwischen Saaremaa und dem lettischen Festland, über die man die Rigaer Bucht erreicht. Genau an dieser strategisch wichtigen Stelle, in der Ansiedlung Sääre, Gemeinde Saaremaa, steht der Leuchtturm.

Von der Kapelle zum Stahlbetonturm: Schon im 14. Jahrhundert soll hier eine kleine Kapelle gestanden haben – nicht nur als Gotteshaus, sondern auch als grobe Landmarke für vorbeifahrende Schiffe. Die eigentliche Leuchtturm-Geschichte begann 1645/46: Niederländische Seeleute auf dem Weg nach Riga machten den livländischen Generalgouverneur Bengt Gabrielsson Oxenstierna darauf aufmerksam, dass die gefährlichen Untiefen vor der Sõrve-Spitze dringend eine Landmarke bräuchten. Im September 1646 wurde daraufhin, mit Unterstützung von 24 Soldaten der Kuressaare-Garnison, ein sogenannter Vippfyr errichtet – nach dem Vorbild des Leuchtturms auf Ruhnu: ein hölzerner Hebebalken mit einem Feuerkorb an einem Ende und einem Gegengewicht am anderen, betrieben mit Kohle und Holz. Schon im selben Herbst musste die Konstruktion von der ursprünglichen kleinen Insel an eine höher gelegene Stelle auf der Halbinsel selbst umgesetzt werden – der ursprüngliche Standort wurde bei Sturm regelmäßig überflutet.
1770 ersetzte man die hölzerne Konstruktion durch einen 35 Meter hohen, viereckigen Steinturm. Dieser stand fast 175 Jahre, bis er im November 1944 in den heftigen Kämpfen um die Halbinsel Sõrve im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde – zusammen mit der Seenotrettungsstation von Sääre.
1949 entstand zunächst ein 38 Meter hoher provisorischer Holzturm an gleicher Stelle. Der heutige Turm, ein 52 Meter hoher, konisch geformter Stahlbetonbau, wurde schließlich 1960 fertiggestellt und ist damit der höchste Leuchtturm der Ostsee. Sein Licht ist bei klarer Sicht bis zu 15 Seemeilen (rund 28 km) weit zu sehen, die Feuerhöhe über dem Meeresspiegel beträgt 53 Meter.


Der Aufstieg: Für 5 Euro darf man den Turm besteigen – 248 Stufen, die es in sich haben. Der Aufstieg im engen Treppenhaus war anstrengend, keine Frage, aber die Aussicht von der Galerie oben hat jeden Schritt wettgemacht: bei klarem Wetter reicht der Blick über die Irbenstraße hinweg bis zur lettischen Küste.


Die Seefunkbake im Erdgeschoss: Gleich am Fuß der Treppe, im Ausstellungsbereich des Turms, standen sie: zwei baugleiche graue Metallschränke, jeder mit acht Baugruppen übereinander, vollgepackt mit Röhren, Drehspulinstrumenten und kyrillisch beschrifteten Bedienfeldern. Für die meisten Besucher vermutlich nur „irgendein altes Funkgerät“ – für mich als Funkamateur und Röhrenfreund natürlich ein Pflichttermin. Ich habe die Frontplatten Baugruppe für Baugruppe abfotografiert, um zu Hause in Ruhe zu recherchieren, was genau ich da vor mir hatte.



Was diese Anlage war: Technisch handelt es sich um eine klassische Seefunkbake – im sowjetischen Sprachgebrauch ein „ненаправленный радиомаяк“, ein ungerichtetes Funkfeuer nach dem Prinzip, das im Westen als NDB (Non-Directional Beacon) bekannt ist. Solche Baken senden auf einer festen Frequenz eine charakteristische Kennung – meist eine Morsezeichenfolge kombiniert mit einem Dauerton –, die Schiffe mit einem Peilempfänger anpeilen konnten, um ihre Position zu bestimmen. Mehrere Baken einer Küstenregion wurden häufig zu einer Gruppe zusammengeschaltet und sendeten reihum auf derselben Frequenz, jede mit eigenem Ton und eigener Kennung, um Verwechslungen auszuschließen. Genau das erklärt die Zyklussteuerung („Цикл 110 сек./55 сек.“) und die Ton-I/Ton-II-Umschaltung, die sich auf einem der Bedienfelder findet.


Weltweit – und vermutlich auch bei dieser Anlage – lagen solche Funkfeuer im Lang- und Mittelwellenbereich, üblicherweise zwischen 190 und 535 kHz, teils auch bis 1750 kHz bei kombinierten Land-/Seefahrt-Baken. Die genaue Sendefrequenz dieser konkreten Anlage lässt sich aus den Fotos leider nicht ablesen, dafür fehlt ein Typenschild mit Angaben.


Konstruktion: Redundant und für den unbemannten Betrieb ausgelegt. Auffällig ist die konsequent redundante Bauweise: Zwei komplett baugleiche Sender stehen parallel, einer im Betrieb, der andere als Reserve – und bei beiden bleibt die Heizspannung der Röhren dauerhaft eingeschaltet, damit im Störungsfall sofort umgeschaltet werden kann, ohne auf die Aufwärmzeit der Röhren warten zu müssen. Die Frontplatten zeigen eine für sowjetische Nachrichtentechnik typische, sehr durchdachte Selbstüberwachung.


Ein Betriebsstundenzähler („счётчик часов работы“) protokolliert die Laufzeit.
Eine automatische Nachstimmung („автоподстройка“) hält die Sendefrequenz stabil, mit eigenem Empfindlichkeitsregler und Zyklusanzeige. Ein eingebauter Kontrolloszillograf mit eigener Bildröhre überwacht Sendestrom und Modulation – komplett mit den Warnlampen „Нет тока“ (kein Strom) und „Нет модуляции“ (keine Modulation). Ein Feld überwacht Überhitzung und Vorheizung, mit separater Frequenzkorrektur zwischen freilaufendem und zwei quarzstabilisierten Oszillatoren. Das Netzteil bietet eine eigene 220-V-Spannungsstabilisierung und ist mit gestaffelten Sicherungen für Anoden-, Heiz- und Beleuchtungsspannung abgesichert.

Diese Kombination aus Doppelanlage, Dauervorheizung der Reserve und umfangreicher Selbstdiagnose macht deutlich, wofür das Gerät gebaut war: für den wartungsarmen, weitgehend automatischen Dauerbetrieb an einem abgelegenen Küstenstandort wie Sõrve, wo niemand rund um die Uhr vor Ort sein konnte, um im Störungsfall einzugreifen.

Vom Kalten-Kriegs-Werkzeug zum Museumsstück: NDB-Netze erreichten weltweit Anfang der 1980er-Jahre ihren Höchststand – kurz bevor GPS verfügbar wurde. Mit der zivilen Freigabe von GPS um die Jahrtausendwende begann der schrittweise Rückbau vieler Anlagen. In den USA und weiten Teilen Westeuropas wurden reine Peil-Funkfeuer größtenteils abgeschaltet, manche davon zu DGPS-Referenzstationen umgebaut, die heute Korrektursignale statt Peilsignale senden. Ganz verschwunden sind Funkfeuer aber nicht: Als kostengünstige, satellitenunabhängige Rückfallebene – gerade angesichts von GPS-Störungen und -Spoofing – halten etliche Länder noch einen Restbestand aktiv, Russland beispielsweise entlang seiner Küsten und besonders entlang der Nordostpassage.

Wann genau die Sõrve-Bake selbst außer Betrieb genommen wurde, verrät die Ausstellung leider nicht – aber dass sie heute, sauber erhalten mit allen Röhren und Instrumenten, am Fuß der Treppe steht, ist für jeden Röhren- und Funktechnik-Fan ein schöner Fund direkt neben der touristischen Hauptattraktion.
Standort der Sendeanlage: Eher unwahrscheinlich, dass sie im Turm selbst in Betrieb war. Ein Leuchtturm-Innenraum besteht praktisch nur aus Treppenhaus und der Laternenkammer oben – dort ist schlicht kein Platz für zwei je acht Baugruppen hohe Röhrenschränke mit hohen Anodenspannungen, Kühlungsbedarf und Wartungszugang. Bei solchen Anlagen war es weltweit üblich, den Sender in einem separaten technischen Betriebsgebäude („радиодом“/Funkerhaus) neben dem eigentlichen Leuchtturm unterzubringen – oft zusammen mit Dieselgenerator, Bedienraum und Antennenanlage. Der heutige Ausstellungsort am Fuß der Treppe im Turm ist mit ziemlicher Sicherheit ein nachträglicher Museumsplatz, nicht der ursprüngliche Betriebsstandort.
Antenne: Für den Lang-/Mittelwellenbereich (190–535 kHz, Wellenlänge 600 m aufwärts) sind physikalisch sinnvolle Viertelwellen-Antennen unrealistisch groß. Üblich waren daher elektrisch verkürzte, kapazitiv „top-geladene“ Antennenformen – meist ein oder mehrere Maste mit einem T- oder Schirmantennen-Aufbau (horizontaler Dachkapazität am oberen Ende, senkrechter Speisepunkt nach unten), gespannt zwischen zwei oder mehr Holz- oder Gittermasten in unmittelbarer Nähe des Sendergebäudes.

