UKW-Rundfunk in Schweden: Geschichte, Technik und Status 2026

5. September 2026

Das Thema analoger Rundfunk und Netzabdeckung sorgt in Europa immer wieder für Diskussionen. Deshalb habe ich die aktuelle Lage zur UKW-Versorgung in meiner schwedischen Wahlheimat zusammengefasst. Schweden nimmt hier eine extrem spannende Rolle ein, auch aus sendetechnischer Sicht, wobei der Artikel einen Vergleich mit Schwedens Nachbarländer zur Einordnung anbietet.

Geschichte: Anfänge, Drahtfunk-Debatte und Industrie-Boom

Die Ära des schwedischen UKW-Rundfunks begann offiziell im Dezember 1955, als der erste reguläre UKW-Sender auf dem bekannten Mast Nackasändaren bei Stockholm den Betrieb aufnahm. Dort stehen bis heute zwei abgespannte Stahlgittermasten von je 299 Metern Höhe, ursprünglich als Kombistandort für Mittelwelle, UKW und Fernsehen errichtet.

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Die zwei Sendemasten in Nacka in der Nähe von Stockholm ( Av Holger.Ellgaard – Eget arbete, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29865265 )

Der Hauptgrund für die Einführung von UKW war der enorme Empfangskollaps auf Mittel- und Langwelle: Ab den späten 1940er und 1950er Jahren litt Schweden massiv unter Abendschwund (durch Ionosphärenreflexion nachts stark schwankende Feldstärke) und gegenseitigen Frequenzstörungen der vielen europäischen Großsender im engen Mittelwellenband.

Bevor man sich flächendeckend für die teure UKW-Infrastruktur entschied, entbrannte eine heftige Fachdebatte: UKW terrestrisch oder Drahtfunk (Trådradio)? Der schwedische Telefondienst (Televerket) setzte zunächst stark auf den Ausbau des Drahtfunks über das bestehende Telefonnetz. Argumentiert wurde mit der topografischen Zuverlässigkeit in abgelegenen Tälern, wo Funkwellen durch Abschattung schlecht hinkommen. Letztlich setzte sich jedoch der drahtlose UKW-Rundfunk durch, nicht zuletzt, weil der rasch aufkommende Autoverkehr ein mobiles Empfangsmedium forderte und die Verlegung von Radiokabeln in die entlegensten Teile Lapplands schlicht unbezahlbar gewesen wäre. Drahtfunk blieb bis in die 1970er Jahre nur eine regionale Nischenergänzung.

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Johan Wihlander 1956 im Senderraum Nacka für UKW und TV ( https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Johan_vid_n%C3%A5gra_avl%C3%A4sningspaneler.jpg )

Für die schwedische Elektronik- und Radioindustrie war die Einführung von UKW ein gewaltiger Wirtschaftsmotor. Heimische Traditionshersteller wie Luxor (Motala), Dux oder Centrum brachten rasch hochwertige Röhrenradios und Musiktruhen mit integriertem UKW-Teil auf den Markt. Schwedische Ingenieure erarbeiteten sich in dieser Zeit einen hervorragenden Ruf für besonders empfangsstarke Tunerteile, die speziell für die schwierigen Randgebiete und gebirgigen Topografien des Landes optimiert waren.

Sendetechnischer Hintergrund: Frequenzplan, Stereo und RDS

Bei aller technischen Eigenart im Sendenetz ist Schweden hier übrigens keinen nationalen Sonderweg gegangen: Sowohl das genutzte Frequenzband als auch das Stereo-Multiplexverfahren mit 19-Kilohertz-Pilotton entsprechen exakt denselben international abgestimmten Normen, wie sie in nahezu ganz Westeuropa und Nordamerika zum Einsatz kamen. Anders als etwa beim Farbfernsehen, wo Frankreich mit SECAM einen eigenen, zum westdeutschen PAL-System inkompatiblen Weg ging, gab es beim UKW-Stereorundfunk keine schwedische Extrawurst: Ein schwedisches UKW-Stereogerät der 1960er Jahre funktioniert technisch problemlos auch in Deutschland, Großbritannien oder den USA.

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Eigenwilliges typisches schwedisches Design: Luxor Applåd 3891W Baujahr 1958 https://elektronikbasteln.pl7.de/restaurierung-eines-roehrenradios-luxor-applad-3891w
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UKW-Radio der schwedischen Firma Luxor aus dem Jahr 1955, dem Jahr als Schweden den UKW-Rundfunk einführte

Anders sieht es beim Design der Empfangsgeräte selbst aus. Hier setzten schwedische Hersteller durchaus eigene Akzente im Sinne des skandinavischen Funktionalismus, klare Linien, warme Holzgehäuse und zurückhaltende Bedienelemente statt der oft verspielteren, reich verzierten Bakelit- oder Kunststofffronten mancher westdeutscher oder US-amerikanischer Geräte jener Zeit. Ein schönes Beispiel aus dieser Ära ist der Luxor Applåd 3891W von 1958, ein Sechs-Röhren-Gerät mit LW-, MW-, KW- und UKW-Empfang. Seine Telefunken-UKW-Tunereinheit mit Variometer-Abstimmung arbeitet nach klassischer, europaweit verbreiteter Röhrentechnik, äußerlich trägt das Gerät aber ganz die reduzierte, holzbetonte Formensprache des schwedischen Designs jener Jahre.

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Mobile Sendeanlage des staatlichen Sendernetzbetreibers Teracom (Bildquelle: https://teracom.se/press-och-media/pressbilder )

Ein paar technische Eckpunkte, die das Ganze einordnen helfen:

  • Das heute genutzte Band 87,5 bis 108 Megahertz wurde erst mit dem Genfer Wellenplan von 1984 (Region 1 der ITU) europaweit für den UKW-Hörfunk festgelegt. Die ursprüngliche Mittel- und Langwellenplanung Schwedens stammt dagegen noch aus dem Genfer Plan von 1975.
  • Anders als bei DAB, das als Gleichwellennetz (SFN) arbeitet, ist das schwedische UKW-Netz ein klassisches Mehrfrequenznetz (MFN): Jede Region sendet dieselbe Kette (P1 bis P4) auf jeweils eigenen, lokal zugeteilten Frequenzen. Deshalb wechselt zum Beispiel P4 beim Durchfahren des Landes ständig die Frequenz, von 103,3 Megahertz in Stockholm über 101,9 in Göteborg bis 88,1 in Malmö.
  • Genau dafür gibt es das Radio Data System (RDS), das den Empfängern über einen 57-Kilohertz-Hilfsträger im Multiplexsignal unter anderem den Sendernamen (PS), Verkehrsfunkkennungen (TP/TA) und eine Liste alternativer Frequenzen (AF) mitliefert, damit das Autoradio beim Grenzübertritt zwischen Sendegebieten automatisch umschaltet, ohne dass man es merkt.
  • Der Stereo-Rundfunk selbst funktioniert kompatibel zu alten Mono-Empfängern: Auf dem Hauptkanal liegt weiterhin das Summensignal L+R, während ein unterdrückter 38-Kilohertz-Hilfsträger das Differenzsignal L-R transportiert. Ein 19-Kilohertz-Pilotton dient dem Stereodecoder als Referenz, um diesen Hilfsträger wieder zu rekonstruieren.
  • Die großen Senderstandorte fahren, je nach Topografie und Schutzabstand zu Nachbarkanälen, äquivalente Strahlungsleistungen (ERP) von teils deutlich über 10 Kilowatt bis zu rund 60 Kilowatt, verteilt über zirkular oder horizontal polarisierte Antennengruppen in 150 bis 300 Metern Höhe.

Status und Fortbestand von UKW heute

Während das Nachbarland Norwegen den nationalen UKW-Hörfunk bereits 2017 weitgehend abgeschaltet hat, bleibt Schweden dem analogen Radio auf absehbare Zeit treu. Die schwedische Regierung hat Pläne zum flächendeckenden Umstieg auf DAB+ nach kritischer Prüfung durch die Behörden verworfen.

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TV-Turm Jägersrottornet, südöstliches Malmö, erbaut 1976. Eigentümer Teracom (Bildquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:J%C3%A4gersrotornet,_Malm%C3%B6_2.jpg )

DAB+ existiert zwar, ist aber im Wesentlichen auf die drei Großstädte Stockholm, Göteborg und Malmö beschränkt und erreicht dort zusammengenommen schätzungsweise rund 40 Prozent der Bevölkerung, landesweit deutlich weniger. Schweden setzt stattdessen auf eine Doppelstrategie: Das analoge UKW-Netz bleibt als Grundversorgung und Sicherheitsnetz bestehen, während digitales Radiohören im Alltag primär über das mobile Internet (IP-Streaming, Apps) läuft. Ein Abschaltdatum für UKW gibt es nicht, das Netz wird mindestens bis in die 2030er und 2040er Jahre weiterbetrieben. In Politik und Gesetzgebung wird sogar diskutiert, analoge UKW-Empfänger in Neuwagen zur Pflicht zu machen, um den Empfang im Straßenverkehr dauerhaft zu sichern.

Senderdichte und geografische Verteilung

Schweden ist mit seinen knapp 450.000 Quadratkilometern ein riesiges, sehr unterschiedlich dicht besiedeltes Land. Entsprechend unterscheidet sich die Verteilung der UKW-Sender stark nach Regionen und Netzbetreibern.

Das öffentlich-rechtliche Radio (Sveriges Radio, SR) nutzt die Infrastruktur des staatlichen Netzbetreibers Teracom. Das P4-Netz allein erreicht laut Teracom inzwischen 99,9 Prozent der Wohnbevölkerung, die Gesamtkette P1 bis P4 rund 99,8 Prozent. Um diese enorme Abdeckung in den endlosen Wäldern und Fjällregionen zu gewährleisten, betreibt Teracom ein Netz aus rund 50 leistungsstarken Großsendern an Masten von oft über 150 bis 300 Metern Höhe, etwa auf dem Nackasändaren bei Stockholm oder dem Kaknästornet mit seinen 155 Metern. Ergänzt wird dieses Rückgrat durch Hunderte kleinere Füllsender in Tälern und entlegenen Siedlungen. Wer auf den großen Nord-Süd-Verbindungen wie der E4 unterwegs ist, genießt dank dieses Netzes und der RDS-Alternativfrequenzen lückenlosen UKW-Empfang der Kanäle P1 bis P4.

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Nordschweden: Geringe Verkehrsdichte und eine Straßenführung durch eine fast menschenleere und sanfte Hügellandschaft sind typisch für diese Region. Die langen Autofahrten sind ereignislos und ermüdend, weshalb das Autoradio für eine willkommene Abwechslung sorgt.

Völlig anders sieht es beim privaten Kommerzfunk aus, etwa bei Mix Megapol oder Rix FM. Die privaten Lizenzen sind renditeorientiert und konzentrieren sich fast ausschließlich auf die Ballungsräume im Süden (Stockholm, Göteborg, Malmö) sowie größere Provinzstädte und Hauptverkehrsachsen. Sobald man sich im Norden außerhalb der Küstenstädte bewegt, verschwindet das private UKW-Angebot rasch, und es bleiben fast ausschließlich die öffentlich-rechtlichen Wellen übrig.

Aktuelle Nutzung und Akzeptanz des Programmangebots

Die Nutzung von UKW ist in Schweden heute stark vom Nutzungsort und dem Alter der Hörer abhängig:

  • Im Auto, dem Hauptnutzungsort, ist UKW nach wie vor die unangefochtene Nummer eins während der Pendelzeiten für Verkehrsmeldungen, lokale Nachrichten und Musik.
  • Am Arbeitsplatz, in Werkstätten, auf Baustellen oder im Einzelhandel läuft UKW häufig als Hintergrundmedium.
  • Zuhause verliert das klassische UKW-Radio stetig an Boden, da smarte Lautsprecher, Apps und Streamingdienste das Gerät ersetzen.

Bei den Altersgruppen zeigt sich eine deutliche Kluft: Während bei den Senioren ab 65 Jahren über 60 Prozent täglich klassisches lineares Radio über UKW hören, vor allem P4, spielt UKW bei Jugendlichen unter 25 Jahren mit unter 15 Prozent Tagesreichweite kaum noch eine Rolle. Hier dominieren Spotify, Podcasts und YouTube.

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Verwaltungsgebäude Sveriges Radio, Stockholm ( Quelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Radiohuset,_Stockholm,_juni_2022.jpg )

Kritik am Programmangebot von Sveriges Radio: Obwohl SR in offiziellen Meinungsumfragen hohe Vertrauenswerte genießt, ist die inhaltliche Kritik vieler Hörer, vor allem im Netz und unter Radio-Enthusiasten, oft vernichtend.

  • Musikalische Verflachung und Formatradio: Wellen wie P3 oder P4 stehen stark in der Kritik, ihr früher anspruchsvolles Kultur- und Jugendprogramm aufgegeben zu haben. Stattdessen dominieren extrem repetitive Playlists, Dudel-Pop und seichtes Moderationsgeplänkel.
  • Verlust von Tiefgang: Klassische Kultur- und Bildungsangebote, etwa auf P1, wurden im Zuge von Formatierungsmaßnahmen oft zu Magazinsendungen oder Podcast-Häppchen zusammengestrichen.
  • Politische Schlagseite und Stockholm-Fokus: Kritiker bemängeln eine spürbare städtisch-elitäre beziehungsweise links geprägte Einfärbung der Wortbeiträge sowie eine Vernachlässigung der ländlichen Provinzthemen zugunsten der Hauptstadtperspektive.
  • Finanzierung per Steuer: Seit die Finanzierung von der alten Radiogebühr auf eine allgemeine Public-Service-Steuer umgestellt wurde, ist der Frust bei Hörern groß, die das Programm inhaltlich schwach finden, es aber dennoch zwangsfinanzieren müssen.

Bedeutung im Kriegs- und Krisenfall (Totalförsvar)

Dass Schweden trotz aller Kritik am Programm so eisern an der analogen UKW-Technik festhält, hat einen gewichtigen strategischen Grund: die schwedische Gesamtverteidigung (Totalförsvar). Im Krisen- oder Kriegsfall ist der analoge Rundfunk die wichtigste und verlässlichste Informationsquelle des Landes, weil er im Gegensatz zu digitalen Diensten mit einem einzigen, robusten Sender ein ganzes Gebiet ohne Rückkanal und ohne Serverabhängigkeit versorgt.

Der Regionalsender Sveriges Radio P4 fungiert offiziell als nationaler Notfall- und Krisenkanal. Die Zivilschutzbehörde MSB (Myndigheten för samhällsskydd och beredskap) fordert alle Bürger auf, für den Notfall ein kurbel- oder batteriebetriebenes UKW-Radio in ihrer Notfallausrüstung (Krislåda) vorzuhalten. Vor wichtigen Mitteilungen an die Bevölkerung (VMA, Viktigt meddelande till allmänheten) wird zusätzlich das charakteristische Warnsignal „Hesa Fredrik“ ausgestrahlt, ein wiederkehrender Ton von etwa sieben Sekunden Dauer mit vierzehn Sekunden Pause.

Die Sendeanlagen von Teracom sind besonders gehärtet, glasfaserredundant angebunden und mit Notstromaggregaten ausgestattet, um auch bei flächendeckenden Stromausfällen oder Cyberangriffen tagelang weiterzusenden. Da Mobilfunknetze bei Stromausfällen oder Überlastung schnell zusammenbrechen, gilt die analoge Einweg-Verbreitung über UKW als absolut krisenfest.

Wie ernst Schweden das Totalförsvar insgesamt nimmt, zeigt sich nicht nur an der Sendetechnik, sondern auch daran, wen der Staat im Ernstfall tatsächlich in die Pflicht nimmt. Alle schwedischen Staatsbürger und alle Personen mit Wohnsitz in Schweden unterliegen von dem Jahr, in dem sie 16 Jahre alt werden, bis einschließlich dem Jahr, in dem sie 70 Jahre alt werden, der Gesamtverteidigungspflicht. Wer gesamtverteidigungspflichtig ist, ist verpflichtet, an der Musterung und am Gesamtverteidigungsdienst mitzuwirken. Das bedeutet unter anderem, dass man bei Bedarf Wehrdienst, Zivildienst oder allgemeine Dienstpflicht ableisten muss. Der Wehrdienst betrifft nur schwedische Staatsbürger, und zwar von dem Jahr, in dem sie 19 Jahre alt werden, bis einschließlich dem Jahr, in dem sie 47 Jahre alt werden.

Kein Technikmuffel: der Vergleich mit dem Fernsehen

Dass Schweden an UKW festhält, hat also nichts mit genereller technischer Zurückhaltung zu tun, das zeigt ein Blick aufs Fernsehen. Beim Umstieg von analogem auf digitales terrestrisches Fernsehen gehörte Schweden vor rund zwanzig Jahren zu den schnellsten Ländern Europas: Die Umstellung begann im September 2005 auf Gotland und war bereits am 15. Oktober 2007 landesweit abgeschlossen, deutlich früher als in den meisten anderen europäischen Ländern. Wer damals, wie viele Neuankömmlinge im Land, noch einen alten Röhrenfernseher besaß, musste sich eine kleine Set-Top-Box zulegen, wurde dafür aber mit einer spürbar besseren Bildqualität über die normale Dachantenne belohnt, als man es von analogem Kabelfernsehen in Mitteleuropa gewohnt war.

Zwanzig Jahre später hat sich das Bild noch einmal gewandelt: Klassisches Antennenfernsehen über Dachantenne oder Satellitenschüssel wird zusehends seltener, viele Haushalte schauen inzwischen ausschließlich über das Internet, und Satellitenschüsseln wie auch terrestrische Antennen verschwinden zunehmend von schwedischen Dächern. Das Beispiel Fernsehen zeigt damit, dass Schweden technischem Wandel keineswegs abgeneigt ist, sondern ihn dort mitträgt oder sogar anführt, wo er einen klaren, spürbaren Vorteil bringt. Beim Radio scheint dieser Vorteil von DAB+ gegenüber dem bestehenden, fast flächendeckenden UKW-Netz bislang schlicht nicht groß genug zu sein, ein weiteres Indiz dafür, dass das Festhalten an UKW eine bewusste, pragmatische Abwägung ist und keine technische Rückständigkeit.

Wie ernst Schweden das Totalförsvar insgesamt nimmt, zeigt sich nicht nur an der Sendetechnik, sondern auch daran, wen der Staat im Ernstfall tatsächlich in die Pflicht nimmt.

Norwegen, Finnland und Dänemark: drei völlig unterschiedliche Wege

Ein vergleichender Blick auf die skandinavischen Nachbarn zeigt, wie unterschiedlich dieselbe technische Ausgangslage bewertet werden kann.

Norwegen ist bislang das einzige Land weltweit, das sein nationales UKW-Netz komplett abgeschaltet und vollständig auf DAB+ umgestellt hat, abgeschlossen bereits Ende 2017. Ausschlaggebend war ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: Die zerklüftete Fjord- und Gebirgslandschaft machte den Ausbau eines dichten, klassischen UKW-Mehrfrequenznetzes teuer, während DAB als Gleichwellennetz genau dort seine Stärken ausspielt, weniger Sendestandorte für dieselbe Fläche, keine Frequenzwechsel beim Durchfahren des Landes und eine robustere Ausbreitung in Tälern. Hinzu kamen handfeste wirtschaftliche Argumente: Das alte FM-Netz war ohnehin sanierungsbedürftig, DAB spart im Betrieb Energie und Kosten, und es bot von Anfang an weit mehr Sendeplätze, 22 statt nur 5 nationale Programme.

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Norwegens Landschaft ist durch zerklüftete und enge Täler gekennzeichnet. Hier zeigt DAB+ seine Stärke. DAB+ ermöglicht mit seinem Gleichwellenfunk die gezielte Ausleuchtung von Funklöchern auf der gleichen Frequenz.

Finnland ist der Gegenpol und zugleich der interessanteste Fall, weil das Land überwiegend flach ist, die Topografie hier also gar keine Rolle spielt. Finnland hat DAB bereits 2007 komplett aufgegeben, nachdem frühere Testbetriebe zu wenig Anklang fanden, und ist seither ein reines UKW-Land geblieben, ergänzt durch Streaming über Mobilfunk und Internet, wofür die sehr hohe Netzabdeckung des Landes beste Voraussetzungen bietet. Als die EU 2020 vorschrieb, dass Neuwagen digitale terrestrische Radioempfänger haben müssen, reagierte Finnland mit einem eigenen Gesetz, das stattdessen UKW-Empfänger in Neuwagen zur Pflicht macht, mit ausdrücklichem Verweis auf die Versorgungssicherheit im Krisenfall. Seither gibt es dort nur vereinzelte, zeitlich befristete DAB+-Testausstrahlungen, etwa einen Amateurfunk-Pop-up-Versuch während eines Sommerlagers 2025, aber keinen Einstieg in ein reguläres Netz.

Dänemark liegt technisch und politisch zwischen diesen beiden Extremen. Seit 2011 wurde dort kräftig in DAB+ investiert, das Netz erreicht heute rund 99 Prozent der Bevölkerung. Ein FM-Abschaltdatum wurde jedoch mehrfach an die Bedingung geknüpft, dass mindestens die Hälfte der Hörerschaft digital hört, eine Schwelle, die bis heute nicht erreicht wurde. Nach Zahlen des dänischen Kulturministeriums hörten 2021 immer noch 48 Prozent der Dänen über UKW, nur 24 Prozent über DAB und 18 Prozent über das Internet. Die aktuelle Mediengesetzgebung für den Zeitraum 2023 bis 2026 erwähnt eine FM-Abschaltung gar nicht mehr. Dänemark fährt also, ähnlich wie Deutschland, einen unbefristeten Parallelbetrieb beider Systeme.

Norwegen, Finnland, Dänemark und Schweden zeigen damit vier verschiedene Antworten auf dieselbe Frage, komplette Umstellung, kompletter Verzicht, unbefristeter Parallelbetrieb mit starkem DAB-Ausbau und unbefristeter Parallelbetrieb mit schwachem DAB-Ausbau, und belegen, dass neben der Topografie auch Kosten, Marktstruktur und schlicht der politische Wille eine erhebliche Rolle spielen.

Das Baltikum: drei sehr ähnliche Ausgangslagen, drei sehr unterschiedliche Wege

Ein Blick über die Ostsee nach Estland, Lettland und Litauen lohnt sich, gerade weil das Baltikum im öffentlichen Bild oft als technisch fortschrittliche, aber austauschbare Einheit wahrgenommen wird. Bei der Rundfunktechnik zeigt sich das Gegenteil.

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Eine typische Landstraße auf der estnischen Ostseeinsel Ösel. Das Baltikum ist durch eine überwiegend flache Landschaft ohne Hügel und Berge gekennzeichnet.

Zunächst zum topografischen und demografischen Hintergrund, der hier eine ganz andere Ausgangslage schafft als in Norwegen: Alle drei baltischen Staaten sind, wie Schweden, eiszeitlich geprägtes Flachland, allerdings noch flacher und niedriger als die schwedische Hügellandschaft. Der höchste Punkt der gesamten Region, der Suur Munamägi in Estland, misst gerade einmal 318 Meter. Fjorde, tiefe Täler oder echte Gebirgszüge, wie sie die norwegische DAB-Entscheidung mitbegründet haben, gibt es hier schlicht nicht. Dazu kommt eine, gemessen an Mitteleuropa, sehr geringe Bevölkerungsdichte: Estland und Lettland liegen bei etwa 29 bis 30 Einwohnern pro Quadratkilometer, Litauen mit rund 57 Einwohnern pro Quadratkilometer etwas dichter besiedelt, aber immer noch deutlich unter deutschen oder mitteleuropäischen Werten. Aus rein topografischer und demografischer Sicht sind die drei Länder sich also verblüffend ähnlich, und beide Faktoren, wenig Gebirge, wenig Bevölkerung, sprächen tendenziell eher für ein klassisches, kostengünstiges UKW-Netz als für einen teuren DAB-Umstieg.

Trotzdem sind die drei Staaten heute rundfunktechnisch komplett verschieden aufgestellt.

Estland ist das mit Abstand fortschrittlichste der drei Länder. Nach mehrjährigen Testphasen seit Ende 2022 ging dort am 1. September 2025 ein reguläres DAB+-Netz an den Start, mit 23 Programmen von Anfang an. Bis zum vierten Quartal 2025 sollte die Netzabdeckung bereits rund 80 Prozent der Bevölkerung erreichen, während die bestehenden UKW-Sender parallel weiterlaufen. Das passt zu einem Land, das digitale Verwaltung und Infrastruktur ohnehin sehr entschlossen vorantreibt, hier war also weniger die Landschaft als vielmehr der allgemeine digitale Ehrgeiz des Landes ausschlaggebend.

Litauen steht dagegen praktisch erst am Anfang. Bis vor kurzem sendete das Land nahezu ausschließlich über UKW, eines der letzten EU-Länder in dieser Lage. Erst kürzlich hat das litauische Verkehrsministerium offiziell den Einstieg in DAB+ angekündigt, mit den bekannten Argumenten: bessere Klangqualität, geringerer Energieverbrauch und vor allem eine robustere Infrastruktur für Notfallwarnungen. Netzbetreiber und Sender gelten dabei ausdrücklich noch als zurückhaltend, ein verbindlicher Zeitplan für eine flächendeckende Einführung steht bislang nicht fest.

Lettland schließlich ist der eigentliche Sonderfall. Nach einem einjährigen DAB+-Testbetrieb rund um Riga lehnte die lettische Medienaufsicht NEPLP die Einführung 2017 ausdrücklich ab, mit der Begründung, DAB+ sei angesichts der ohnehin schon sehr hohen Internetnutzung im Land eine unnötig teure Investition. Seitdem ist dort wenig passiert: Noch im März 2026 fand in Riga selbst eine internationale Digitalradio-Konferenz statt, bei der Branchenvertreter offen feststellten, dass sich Lettland technisch gesehen immer noch in einer frühen Interessensphase befindet, während Estland längst produktiv sendet.

Das Baltikum ist damit ein besonders schönes Gegenbeispiel zur reinen Topografie-These. Drei Länder mit fast identischer Landschaft und ähnlich geringer Bevölkerungsdichte kommen zu drei völlig unterschiedlichen Ergebnissen, bereits im Regelbetrieb, gerade erst gestartet, bewusst abgelehnt und seit Jahren pausiert. Das unterstreicht, was sich auch bei Norwegen, Finnland, Dänemark und Schweden zeigt: Die Landschaft schafft nur den Rahmen, entschieden wird am Ende durch politischen Willen, verfügbares Budget und die Frage, wie stark die bestehende Internet- und Mobilfunkversorgung digitales Radio ohnehin schon überflüssig macht.

Schweden erweist sich im Umgang mit dem UKW-Rundfunk als offen für neue Technologien und zugleich ausgesprochen pragmatisch. Man hat den flächendeckenden Umstieg auf DAB+ bewusst verworfen, weil die wirtschaftlichen Kosten in keinem vernünftigen Verhältnis zum Nutzen standen und die bestehende UKW-Infrastruktur bereits eine nahezu lückenlose Versorgung bietet. Digitale Angebote laufen parallel über IP-Streaming, während das analoge Netz als robustes Grundversorgungs- und Sicherheitsnetz mindestens bis in die 2030er und 2040er Jahre weiterbetrieben wird.

Gerade im Kontext der Gesamtverteidigung (Totalförsvar) spielt UKW eine unverzichtbare Rolle als krisen- und kriegsfester Backup-Kanal: Es funktioniert ohne Rückkanal, ohne Serverabhängigkeit und auch bei Stromausfällen oder Cyberangriffen. Deshalb wird sogar diskutiert, UKW-Empfänger in Neuwagen verpflichtend vorzuschreiben.

Im Vergleich zu den Nachbarländern fällt die schwedische Haltung nüchtern und realitätsbezogen aus. Norwegen hat den nationalen UKW-Betrieb bereits 2017 weitgehend abgeschaltet und setzt auf DAB+, während Finnland und Dänemark ebenfalls eigene Wege gehen. In der Schweiz wiederum musste die Politik nach Hörerverlusten und öffentlichen Protesten jüngst zurückrudern und die geplante Abschaltung aufschieben. Diese Beispiele zeigen, dass politische Entscheidungen im Rundfunkbereich leider oft nicht allein von technischen oder wirtschaftlichen Argumenten bestimmt werden, sondern auch von Lobbyinteressen und dirigistischen Steuerungsansätzen beeinflusst sind.

Schweden hat sich hier – trotz aller Kritik am Programmangebot – für den pragmatischen Mittelweg entschieden: Technologieoffenheit, wo sie Sinn ergibt, und bewusste Beibehaltung des Bewährten, wo es um Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Vernunft geht.